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„An der Festanstellung schätze ich vor allem den Austausch im Team“

Interview mit Yvonne Mankel - ESF-Gesicht 2014

Porträt Frau MankelYvonne Mankel

Yvonne Mankel ist festangestellte Tagesmutter und arbeitet seit 2009 im Modellprojekt „KiTS – Kinder in Tagespflege Siegen“, in dem Tagespflegepersonen sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden. Frau Mankel wurde als eine der Gewinnerinnen des Wettbewerbs „ESF-Gesicht 2014“ ausgezeichnet. Sie hat die Jury mit ihrer persönlichen ESF-Geschichte überzeugt: Mit Hilfe des Europäischen Sozialfonds (ESF) hat sie den Einstieg in den Beruf als Tagesmutter geschafft.

Sie arbeiten in dem Modellprojekt „KiTS- Kinder in Tagespflege Siegen“. Was können wir uns unter diesem Modell vorstellen?

Das Familienbüro der Stadt Siegen hatte 2009 die Idee, Kindertagespflege zu professionalisieren und Tagespflegepersonen fest anzustellen. Vor dem Projekt waren beinahe alle Tagespflegepersonen in Siegen selbstständig tätig. Mittlerweile bietet KiTS an sechs Standorten Kindertagespflege in Kleingruppen für bis zu neun Kinder unter drei Jahren an.

Welche Vorteile sehen Sie in der Festanstellung?

An der Festanstellung schätze ich vor allem die Möglichkeiten zum Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Ich arbeite in einem Team und bin mit meinen Beobachtungen und Problemen nicht alleine. Zu pädagogischen Fragen kann ich mich immer mit meinen Kolleginnen und Kollegen austauschen. Außerdem bekomme ich jeden Monat ein festes Gehalt. In der selbstständigen Kindertagespflege habe ich nur in der Zeit Geld verdient, in der ich die Kinder betreut habe. Das bedeutet, dass ich kein Einkommen hatte, wenn ein Kind krank oder im Urlaub war. Außerdem musste ich mich auch selbst um eine Krankenversicherung kümmern. In der Festanstellung hingegen bin ich sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ein weiterer Vorteil der Festanstellung ist, dass wir alle Anspruch auf Urlaub haben. Das ist in der selbstständigen Tätigkeit etwas schwieriger, wenn man keine geeignete Vertretungslösung findet. Außerdem ist der Urlaub dann unbezahlt. 

Haben auch Eltern und Kinder Vorteile durch die Festanstellung?

Ja, vor allem durch die Kontinuität der Betreuung. Wir arbeiten in Kleinteams mit zwei Vollzeitkräften und einer Springerin, die die Vollzeitkräfte im Urlaubs- oder Krankheitsfall vertritt. So werden die Kinder immer von zwei Personen betreut, auch wenn eine der beiden Vollzeitkräfte ausfällt. Die Springerin ist mindestens ein- bis zweimal in der Woche bei uns, damit die Kinder sie im Alltag kennenlernen. Im Urlaubs- oder Krankheitsfall werden die Kinder also nicht mit einem unbekannten Gesicht konfrontiert, sondern sie haben schon eine Bindung zu der Betreuungsperson aufgebaut. 

Neben Ihrer Arbeit als Tagesmutter sind Sie auch die fachliche Leiterin bei „KiTS“. Was sind Ihre Aufgaben?

Als fachliche Leiterin betreue ich mittlerweile sechs Standorte, von denen ich fünf Standorte selbst aufgebaut habe. Dort habe ich mich von der Einrichtung der Räumlichkeiten bis zum Personal um alles gekümmert. Außerdem führe ich alle Personalgespräche, so dass die Bewerberinnen und Bewerber wissen, was auf sie zukommt und was wir von ihnen erwarten. 

Auch für die Einhaltung unserer Qualitätsstandards bin ich verantwortlich. Diese Standards haben wir in den letzten Jahren erarbeitet. Unter anderem ist uns die situationsorientierte Eingewöhnung der Kinder sehr wichtig. Wir achten darauf, welche Bedürfnisse die Kinder haben: Wenn ein Kind zum Beispiel nicht von den Eltern getrennt werden möchte, geben wir ihm die Zeit, die es dafür braucht. Wir haben zudem einen festen Tagesablauf, der in allen Einrichtungen umgesetzt wird. Feste Strukturen geben den Kindern und Eltern Sicherheit und Halt.

Außerdem haben wir bestimmte Prozesse geregelt und verschriftlicht, so dass zum Beispiel jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter weiß, wer informiert werden muss, wenn ein Krankheitsfall vorliegt. Festgelegt ist auch, welche Notfallregelungen greifen, falls ein ganzes Team ausfällt, wie wir Elterngespräche führen oder unsere Verträge gestaltet sind. Ich sorge auch dafür, dass sich die Kolleginnen und Kollegen zweimal im Jahr weiterbilden. Dies ist im Übrigen auch Voraussetzung für unsere Pflegeerlaubnis, die wir vom Jugendamt erhalten. Darüber hinaus unterstütze ich, wenn Probleme im Team oder mit Eltern auftreten. Als Multiplikatorin gebe ich Abläufe, die in einem Team gut funktionieren, an andere Teams weiter.  

Im Moment arbeite ich drei Tage pro Woche voll in der Betreuung. Das ist mir sehr wichtig, denn wenn ich selbst in der Praxis arbeite, kann ich für meine Kolleginnen und Kollegen da sein und sie besser fachlich beraten. Zwei Tage nutze ich für die fachliche Leitung, das schließt auch Verwaltungsarbeiten und Termine mit Behörden ein. 

„KiTS“ wurde durch das „Aktionsprogramm Kindertagespflege“ des Bundesfamilienministeriums gefördert. Wie wurde das Projekt konkret unterstützt?

Durch die Unterstützung des Aktionsprogramms konnten wir die Großtagespflege aufbauen. Das Jugendamt hatte bereits mit einem eigenen Standort angefangen, wir haben uns dann als freier Träger angeschlossen. Mittlerweile werden wir zwar nicht mehr über das Aktionsprogramm gefördert, arbeiten aber immer noch in enger Kooperation mit dem Familienbüro der Stadt Siegen zusammen. Für die Zusammenarbeit gibt es auch einen Kooperationsvertrag.  

Welche Vorteile bietet Kindertagespflege für Unternehmen?

Durch das „Aktionsprogramm Kindertagespflege“ haben auch Unternehmen diese Betreuungsform für sich entdeckt. Sie haben erkannt, dass sie Fachpersonal besser gewinnen und halten können, wenn sie für deren Kinder Betreuung anbieten. In Siegen gibt es nun beispielweise an zwei Krankenhäusern Kindertagespflegestellen. Dies ist vor allem für Eltern, die im Schichtdienst arbeiten, ein tolles Angebot. Auch Alleinerziehende greifen gerne auf diese gute, qualifizierte und flexible Betreuung zurück. Sie können Familie und Beruf so besser miteinander vereinbaren.

Was raten Sie Tagespflegepersonen, die über eine Festanstellung nachdenken?

Sie sollten sich sehr gut überlegen, was der Beruf bedeutet. Ich merke immer wieder, dass angehende Tagespflegepersonen sagen: „Toll, durch die Festanstellung habe ich ein festes Gehalt und arbeite im Team.“ Das ist jedoch nicht alles. Ich lege Wert darauf, dass die Kolleginnen und Kollegen sich weiterbilden und Erfahrung mitbringen, das ist das A und O. Viele Interessierte unterschätzen außerdem, dass die Tätigkeit an sich eine hohe zeitliche Flexibilität verlangt, denn unsere Arbeitszeiten richten sich nach den Bedarfen der Familien. Vorteile einer Festanstellung sind vor allem die Arbeit im Team, das feste Gehalt sowie die geregelten Vertretungslösungen. Wenn man das alles bedenkt, kann man sich bewusst für die schöne Aufgabe als festangestellte Tagespflegeperson entscheiden.

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