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„Vernetzung bietet viele Vorteile“

Interview mit Anne Weber, Fachberaterin im Bereich Kindertagespflege

Anne WeberAnne Weber

Anne Weber ist Dipl. Sozialpädagogin und seit fünf Jahren in der pädagogischen Fachberatung im Jugendamt Berlin Tempelhof-Schöneberg tätig. In ihren Zuständigkeitsbereich fallen mehr als 100 Tagespflegepersonen, das entspricht ca. 500 zu betreuenden Kindern.

Welche Aufgaben haben Sie als pädagogische Fachberaterin im Bereich Kindertagespflege?

Meine Hauptaufgabe ist es Tagespflegepersonen zu beraten und zu betreuen. Dies beinhaltet zur Gewährleistung der Weiterentwicklung eines bedarfsgerechten Angebotes die Neueinrichtung von Kindertagespflegestellen, welche eine Beratung und Eignungsanalyse zur Erteilung der Pflegeerlaubnis voraussetzt. Gleichzeitig stehe ich den Eltern als Ansprechpartnerin zur Verfügung insbesondere bei der Unterstützung in der Vermittlung, bei kindbezogenen Fragestellungen sowie als Vermittlerin bei Konflikten zwischen Eltern und Tagespflegepersonen. Um Betreuungsverträge zwischen Eltern und Tagespflegepersonen sowie um finanzielle Angelegenheiten wie Kosten und Verrechnung von Fehlzeiten kümmern sich die Kolleginnen und Kollegen der Kostenstelle.

Profitieren Sie bei Ihrer Tätigkeit als Fachberaterin auch von Erfahrungen aus Ihrem bisherigen Berufsleben?

Vor meiner Tätigkeit im Jugendamt Tempelhof-Schöneberg, habe ich bei einem Bildungsträger Jugendliche in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (BvB) betreut. Anschließend war ich in einer Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung Leiterin der Sozialen Gruppenarbeit (§29 SGB VIII). Als Fachberaterin nutzt mir die Erfahrung im Umgang mit Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft. Bei meiner Arbeit ist es wichtig, den verschiedenen Familienformen wertschätzend gegenüberzutreten und für jede Familie und jede Tagespflegeperson individuelle und passende Lösungen zu finden.

Wie sieht ein typischer Fachberatungsprozess aus?

In den meisten Fällen erfolgt die Beratung telefonisch. Viele Fragen von Tagespflegepersonen und Eltern lassen sich so schnell und unkompliziert klären. Ergänzend dazu gibt es die Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs im Jugendamt oder in der Kindertagespflegestelle. Regelmäßig besuche ich die Tagespflegestellen, um mir ein konkretes Bild von der Betreuungssituation vor Ort zu machen: von der pädagogischen Arbeit der Tagespflegeperson, dem Tagesablauf, von den Räumlichkeiten sowie der Ausstattung. Verbesserungsvorschläge und besondere Themen lassen sich manchmal in der Kindertagespflegestelle vor Ort leichter und effektiver besprechen, da die Tagespflegeperson den „Heimvorteil“ hat.

Welche Themen spielen in der Fachberatung für die Kindertagespflege eine große Rolle?

Eltern benötigen am Anfang generelle Informationen zur Kindertagespflege, zum Beispiel: Wie finde ich die passende Tagespflegestelle für mein Kind? Wie sind die Öffnungszeiten? Wie sind die Kindertagespflegepersonen ausgebildet und wie werden sie überprüft? Für zukünftige Tagespflegepersonen sind bei der Erstberatung Themen wie Bedarfsermittlung, Qualifikation, rechtliche Rahmenbedingungen, Verdienstmöglichkeiten und aktuelle Förderpro-gramme relevant. Die Themen der bestehenden Tagespflegepersonen sind sehr vielschichtig. Es kann zum Beispiel zu Problemen mit den Eltern wegen Unzuverlässigkeit, schlechter Versorgung eines Tagespflegekindes, mangelnden Einhaltens von Absprachen oder Eingewöhnungsschwierigkeiten kommen. Weitere Themen betreffen finanzielle Angelegenheiten wie kurzfristige Kündigungen, Änderung der Betreuungsform oder Finanzierung der Krankheitsvertretung. Auch individuelle Schwierigkeiten wie Ärger mit dem Vermieter, Streit mit der Verbundpartnerin oder dem Verbundpartner sowie Veränderung der privaten und gesundheitlichen Situation können Themen der Fachberatung sein.

Welche Möglichkeiten haben Tagespflegepersonen, sich untereinander oder mit weiteren Partnern zu vernetzen?

In Berlin werden Tagespflegepersonen vom Jugendamt aufgefordert, sich zu vernetzen. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg gliedert sich in sieben Regionen. Jede Region hat zwei oder drei Regionalsprecherinnen oder Regionalsprecher, die von den Tagespflegepersonen in der Region für den Zeitraum von einem Jahr gewählt werden. Im Rhythmus von zwei Monaten finden die Ortsteilsitzungen der Tagespflegepersonen statt, welche von den Regionalsprecherinnen und Regionalsprechern geleitet werden. Dabei fungieren diese als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren des Jugendamtes. Gleichzeitig gibt es alle zwei Monate eine Versammlung der Regionalsprecherinnen und Regionalsprecher mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamts, in der sie Fragen der Tagespflegepersonen aus der Region weiterleiten und wir über Neuigkeiten beispielsweise aus der Senatsverwaltung für Jugend, Bildung und Wissenschaft informieren. Natürlich gibt es noch weitere Vernetzungsmöglichkeiten auf freiwilliger Basis. So hat sich zum Beispiel eine „Montagsrunde“ gegründet, in der sich die Tagespflegepersonen einmal im Monat treffen und bestimmte Themen diskutieren. Andere tauschen sich in einer gemeinsamen Supervisionsgruppe oder in einer überbezirklichen Gruppe bei dem Fortbildungsträger Familien für Kinder gGmbH aus. Auch die Fortbildungen des bezirksinternen Fortbildungsträgers Tempelhofer Forum e.V. bieten Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten. Seit einigen Jahren gibt es den Verein KiT e.V., der von Tagespflegepersonen gegründet und geführt wird. Dieser Verein vertritt die Tagespflegepersonen besonders auf politischer Ebene und setzt sich für die Interessen der Tagespflegepersonen ein. Beispielsweise hat der Verein KiT e.V. sich dafür eingesetzt, dass die berufsbegleitende Erzieherausbildung einer Fachschule speziell für Tagespflegepersonen angeboten wird. Das beinhaltete unter anderem, dass die Präsenzzeiten der Ausbildung mit den Arbeitszeiten der Tagespflegepersonen zu vereinbaren waren.

Welche Chancen bieten diese Netzwerke den Tagespflegepersonen?

Oft sind die Tagespflegepersonen „Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer“. Vernetzung bietet viele Vorteile: Gemeinsam können Tagespflegepersonen ihre Interessen zum Beispiel gegenüber dem Jugendamt besser durchsetzen. Außerdem dienen gemeinsame Aktionen der Identifikation mit dem Berufsbild der Kindertagespflegeperson und der Präsentation nach außen. Mit den steigenden Anforderungen hat sich auch der Qualitätsanspruch an die Kindertagespflege erhöht und die Zusammenarbeit in Netzwerken bietet eine gute Gelegenheit, das auch der Öffentlichkeit zu zeigen. Einmal im Jahr findet zum Beispiel der „Aktionstag Kindertagespflege“ statt, auf dem es Infostände, aber insbesondere auch Aktionen für und mit Kindern gibt wie z.B. Kinderschminken oder eine Märchenstunde im Vorlesezelt. Weitere Vorteile der Netzwerke sind, dass sich Tagespflegepersonen schnell und unkompliziert untereinander austauschen, sich beraten und so voneinander profitieren können. So werden gute Ideen, wie zum Beispiel ein Elternfragebogen, an andere Tagespflegepersonen weitergegeben. Auch für besondere Aktionen wie Kindertheaterbesuche lohnt sich das Netzwerk, da eine gemeinsame Planung und Finanzierung möglich ist. Ergänzend dazu bieten Netzwerke die Möglichkeit, dass Tagespflegepersonen sich gegenseitig im Krankheitsfall vertreten können. Da für Eltern bei der Entscheidung Kita oder Kindertagespflege die Frage nach der Vertretung im Krankheitsfall nicht unerheblich ist, können den Eltern von Beginn an Alternativen im Vertretungsfall aufgezeigt werden.

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